Bestatter-ABC: X wie Xylophagie
Ein Schreckensgegner-Buchstabe des Bestatter-ABCs, an dem man sich fast die Zähne ausbeißt, ist ganz eindeutig das X.
Wenn wir aber etwas tiefer graben – und das meinen wir in unserem Beruf durchaus wörtlich –, stoßen wir auf einen Begriff aus der Biologie, der für die klassische Erdbestattung eine ganz wesentliche Rolle spielt: die Xylophagie (zusammengesetzt aus den griechischen Begriffen xýlon für „Holz“ und phageín für „essen“).
Xylophagen sind, einfach übersetzt, „Holzfresser“. Zu ihnen gehören bestimmte Insekten, bei der Erdbestattung spielen aber vor allem Pilze und Mikroorganismen eine Rolle, die die Fähigkeit besitzen, Holz biologisch abzubauen und als Nahrung zu nutzen.
In unserer Kultur betten wir Verstorbene für die Erdbestattung traditionell in einen Sarg. Dieser besteht in den allermeisten Fällen aus Holz – etwa aus Kiefer, Fichte, Zirbe, Pappel, Lärche oder Eiche. Der Sarg schützt den Körper des Verstorbenen zunächst auf seinem letzten Weg und ist ein wichtiges, vorschriftsmäßiges Element für die Aufbahrung, den Abschied, aber auch für die Feuerbestattung.
Sobald der Sarg jedoch im Grab der Erde anvertraut wird, beginnt ein stiller, jedoch hochaktiver Prozess der Natur. Und genau hier kommen die holzabbauenden Organismen ins Spiel: Xolophagen sorgen dafür, dass sich das Holz des Sarges im Laufe der Jahre im Erdreich zersetzt. Ohne diese winzigen, fleißigen Helfer im Boden würde der natürliche Kreislauf der Vergänglichkeit an dieser Stelle ins Stocken geraten.
Durch die Xylophagie schließt sich letztlich der Kreis: Das Holz, das dem Verstorbenen einst als schützende Hülle diente, wird im Laufe der Ruhefrist wieder zu wertvollem Humus und kehrt als nährstoffreicher Boden in den Kreislauf der Natur zurück. Unser „X“ steht somit für ein unscheinbares, aber faszinierendes Meisterwerk der Biologie, das uns zeigt, wie perfekt Vergänglichkeit und Neuanfang ineinandergreifen.
Foto: Bestattung und mehr I.Neumair