Die meistgeküsste Wasserleiche der Welt
Es ist ein fester Bestandteil jedes Erste-Hilfe-Kurses: Man kniet über einer leblosen Kunststoffpuppe, drückt rhythmisch den Brustkorb und bläst ihr schließlich Atemluft ein. Doch die wenigsten wissen, dass sie in diesem Moment ein Date mit einem historischen Kriminalfall haben. Das Gesicht, das uns von den weltweit bekannten „Resusci Anne“-Puppen so friedlich entgegenblickt, ist nämlich kein Entwurf eines modernen Grafikers. Es ist das detailgetreue Abbild einer jungen Frau, die im späten 19. Jahrhundert als Wasserleiche aus der Pariser Seine gezogen wurde. Ihr tragischer Tod legte paradoxerweise den Grundstein dafür, dass bis heute weltweit Millionen von Menschenleben gerettet werden können.
Die Geschichte beginnt in den späten 1880er-Jahren in Paris. Als die Leiche der Unbekannten aus dem Wasser geborgen wurde, stellte der zuständige Pathologe keinerlei Anzeichen von Gewalt fest, weshalb man von einem Suizid ausging. Was den Mediziner im Leichenschauhaus jedoch völlig in den Bann zog, war ihr friedlich-lächelnder Gesichtsausdruck, weshalb sie später oft als die „Mona Lisa des Todes“ bezeichnet wurde. Fasziniert von dieser morbid-schönen Ästhetik ließ der Pathologe eine Totenmaske aus Gips anfertigen. In den darauffolgenden Jahrzehnten entwickelte sich dieser Abguss zu einem makabren Kultobjekt in der europäischen Künstler- und Intellektuellenszene. Das Gesicht der „Unbekannten aus der Seine“ hing als Wandschmuck in unzähligen Bohème-Wohnzimmern und inspirierte berühmte Dichter wie Rainer Maria Rilke und Vladimir Nabokov.
Der entscheidende Wendepunkt kam in den 1950er-Jahren, als die moderne Herz-Lungen-Wiederbelebung (CPR) Einzug in die Medizin hielt. Der norwegische Spielzeug- und Medizintechnikhersteller Åsmund Lærdal wurde damit beauftragt, eine lebensechte Puppe für das Training der Mund-zu-Mund-Beatmung zu entwickeln. Lærdal wusste, dass die Hemmschwelle zur Beatmung bei den Schülern hoch sein würde, und suchte nach einem Gesicht, das natürlich, nahbar und keineswegs furchteinflößend wirkte. Da erinnerte er sich an die Totenmaske, die er als junger Mann an der Wand im Haus seiner Großeltern gesehen hatte. Er entschied sich, genau diese sanften Züge für seine Erfindung zu adaptieren.
Wer heute im Erste-Hilfe-Kurs die Beatmung übt, küsst also rein technisch gesehen die am häufigsten geküsste Frau der Menschheitsgeschichte – eine namenlose Unbekannte, die vor über 130 Jahren ertrank und zur Lebensretterin wurde.
Foto: L'Inconnue de la Seine. Fotografie um 1900, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Unbekannte_aus_der_Seine
und Quelle: http://totenmasken.com/totenmasken/html/body_galerie.html, Fotograf: unbekannt